QUADRAT Eine durchaus subjektive Betrachtung

Vom Innen ins Außen

Im Sommer 2021 habe ich es nach einigem Zögern gewagt, mich mit dem Quadrat-Projekt um ein Stipendium zu bewerben. Sechs Monate Projektzeit erschienen mir zu Beginn äußerst komfortabel und ich kam gut voran. Ab November wurde die Schreiberei immer anstrengender und schließlich zur Qual. Am Ende blieben, vor einem Stapel hastiger Notizen sitzend, keine vier Wochen mehr, bis ich das Projektergebnis und die Dokumentation abliefern musste.


Ich war dennoch zuversichtlich, weil ich meinen initialen Denkfehler oder besser gesagt Strukturfehler erkannt hatte: In der ersten Mindmap zum Projekt sind sehr schnell die Überschriften der Kapitel kondensiert: Bildkomposition, das Quadrat in Malerei, Fotografie, und Film, auch in der Werbung und im WebDesign. Zu schnell, wie sich herausstellte oder um den Philosophen Ivan Illich zu zitieren: „Gefangen in einer selbstgenerierten Definition“.


Zur Bildkomposition im Quadrat als Beispiel lässt sich wenig sagen. Die Neigung zur Symmetrie, die besondere Intimität und Nähe, das unvertraute Bespielen der Bildränder in der Malerei. Dennoch habe ich pflichtschuldigst versucht, weitere Aspekte der Bildkomposition zu finden, um die Sache „rund“ zu machen. Aus der lustvoll und neugierig gestarteten Forschungsreise wurde die inspirationslose Dokumentation purer Fleißarbeit. Das penible Sortieren einer Sammlung all dessen, was schon da ist. Ende Dezember 2021 blieb nur noch ein sarkastisches “Happy new year, Miss Sophie”.

 

Perspektiv­wechsel

Wenn eine an Kunst- und Mediengattungen ausgerichtete Ordnung nicht hilft, sich der Natur des Quadrates zu nähern, bedarf es einer Perspektive, die das Quadrat in den Mittelpunkt stellt, anstatt seine Eigenschaften auf viele mehr oder minder willkürliche Aspekte zu verteilen. Was aber sind diese besonderen Eigenschaften?
 

  • Das Quadrat ist im Hier und Jetzt. Frei von formatbedingten Zeitlinien steht es wie kein anderes Bildformat in der Gegenwart, im Moment des Betrachtens.
     

  • Ihre formale Geschlossenheit kann aus Quadraten Subjekte, Entitäten machen, die sie über die reine Funktion eines gestalterischen Objektes hinausheben.
     

  • Monochrome Quadrate beziehen sich auf ihre Umgebung und nehmen auf diese Einfluss. Sie streben förmlich ins Außen.
     

  • Das Quadrat ist das sozialste aller Bildformate. Es kann als Gruppe agieren, mit den Werken anderer Künstler*innen kommunizieren und den Raum selbst zum Bild transformieren.


Die durch die weitgehende Abwesenheit von Begleitfläche bedingte Statik des Quadrates und die im Kontrast dazu dynamische Natur des Rechtecks wären womöglich eine Perspektive, ein zielführendes Ordnungssystem gewesen. Das Streben ins Außen war jedoch für mich als mögliches Strukturprinzip naheliegender, schließlich ist das Außen mein künstlerischer Sehnsuchtsort. Selbst mein 10 Jahre altes Logo steht für den Akt der Befreiung. Vorrangig ist das Streben ins Außen, die Überwindung der Formatbegrenzung, eine unter den Bildformaten einmalige Eigenschaft, ein echtes Alleinstellungsmerkmal des Quadrates.


Der für eine Skala benötigte Gegenpol ist das „Innen“, von der Umwelt abgegrenzt, auf sich bezogen. Die versuchsweise Einordnung der Textfragmente und Notizen zwischen diesen Polen hat mich zuerst überrascht, dann erleichtert: Jeder Gedanke, jeder Aspekt findet seinen Platz. Schwächen werden sichtbar, bleiben im System aber plausibel.


Die Skala der Achse „Innen-Außen“ beginnt in diesem Modell mit Repräsentation, Abstraktion und Reduktion. Drei in der Bildenden Kunst bekannte und anerkannte Begriffe. Da wir bis hierhin aber immer noch im Innen des Bildformates verorten, wenn auch an der Schwelle zum Außen, wird die Skala um die Subjektivierung erweitert, ein aus der Soziologie entlehnter Begriff, der gleichbedeutend für Individualisierung und Personalisierung steht. Im Konzept dafür, Quadrate von der reinen Funktion als gestalterisches oder symbolisches Objekt hin zur Entität, zum autonomen Subjekt zu transformieren.


Vervollständigt wird die Skala durch die Kollektivierung. Gemeint ist damit nicht der politische Begriff, sondern Gemeinschaft im Sinne von Herde, Schwarm, Gruppe oder Familie. Im Konzept steht Kollektivierung außerdem für die Umkehrung der Verhältnisse: Die Wand ist nicht mehr der sie ausstellende Träger von Werken, sondern wird von einer Gruppe freier Quadrate selbst zur Leinwand, zum Werk gemacht. Erst damit ist die Skala im Außen angekommen.

Beide Begriffe, die Subjektivierung wie auch die Kollektivierung belegen für mich die Gesellschaftsrelevanz des Quadrates als künstlerisches Ausdrucksmittel und dessen unerschlossenes Potential im öffentlichen Diskurs. Beide Perspektiven gemeinsam erheben das Quadrat vom handwerklich "benutzten" Objekt zum Stellvertreter unseres Menschseins: Kunst als Soziallabor.